Samstag, 13. Februar 2010

Lehrrede auf dem Berg XX

Immer wieder müssen wir im Verlauf unseres Lebens Entscheidungen treffen: „Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse ... darum erwähle das Leben, damit du am Leben bleibst, du und deine Nachkommen.“ (5.Mose, 30, 15-20). „So wählt heute, wem ihr dienen wollt“ (Jos. 24,15). „So spricht der Herr: Siehe, ich lege euch vor den Weg zum Leben und den Weg zum Tode“ (Jer. 21,8). Sogar im NT: „Geht ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.“ (7, 13 f).
Eine Anweisung zum Wandern. Eine Einladung zu einem Spaziergang durch ein gelungenes Leben.

Ein Weg ist eng, ein Weg ist breit. Barclay merkt dazu an: „Der eine Weg ist bequem, der andere beschwerlich“. Ohne Fleiß keinen Preis. „Ich habe den guten Kampf gekämpft“ und gewonnen, sagt Paulus; und nicht einmal das sichert dir den Sieg, sondern du mußt auch noch nach den Regeln kämpfen, sonst wirst du disqualifiziert. Das Gehen auf dem engen Weg bedeutet harte Arbeit. Paulus sagt über sich, er habe mehr gearbeitet als alle anderen.

„Der eine Weg ist lang, der andere kurz.“ Wählen wir den kurzen Weg des schnellen Erfolgs oder gehen wir lieber einen langen Weg, der erst in der Zukunft Ergebnisse erkennen lassen wird? „Wer langsam sammelt“, heisst es in dem Buch der Sprüche, der bekommt immer mehr. Wer’s eilig hat, wird am Ende ohne Erfolg bleiben. Was von Dauer sein soll, braucht Zeit. Gott hat die ganze Welt mit allem drum und dran auch nicht an einem Tag erschaffen.

„Der eine Weg ist diszipliniert, der andere undiszipliniert“. Ohne Selbstdisziplin kann man auf Dauer keinen Erfolg haben. Wer kann thora lernen? Derjenige, der beharrlich ist und dranbleibt und ständig wiederholt. Das ist wie im richtigen Leben.

„Der eine geht nachdenklich, der andere gedankenlos seines Weges“. Mag sein, dass der breite Weg bequemer aussieht. Aber nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel; deshalb kommt es darauf an, anzukommen und zwar dort anzukommen, wo man hin will: In die Gottesnähe. Auf dem breiten Weg zu laufen, dort wo alle gehen, erfordert nicht viel Nachdenkens. Der Sänger singt: Ja, wenn man was erleben will, dann darf man nicht spar'n, dann muss man sonntags fahr’n wenn alle fahr’n. Wer den Stau auf der Autobahn vermeiden will, der muss sich etwas einfallen lassen. Wer zu Gott gelangen will, der kann nicht tun, was die ganze Welt tut; der kann die Dinge nicht mit den Maßstäben der Welt messen. Nehmt noch mal Rabbi Schimmaj. Sein Maßstab war der Zollstock, damit hat er einen Interessenten davon gejagt. Rabbi Hillel hatte einen anderen Maßstab: So wie du willst, dass die Leute dir begeg-nen, so begegne du ihnen auch. Was ist das Ergebnis? Hillel hat einen Menschen für das Wort Gottes gewonnen, Schimmaj hätte ihn fast ganz verjagt.

Mystiker-Zitat der Woche

Du denkst über die Wahrheit, als wäre sie eine Formel, die du aus einem Buch herauspicken kannst. Wahrheit kostet den Preis der Einsamkeit. Wenn du der Wahrheit folgen willst, musst du lernen, allein zu gehen.
- Anthony de Mello

Mittwoch, 10. Februar 2010

Lehrrede auf dem Berg XVIIII

Was ist der „Sinn“ dieser "Goldenen Regel"?
Laßt uns dabei auch an die fast simple Regel denken: „Was der Mensch sät, das wird er ernten“. Der Mensch erntet nicht, was er unterlassen hat zu säen. Der Sinn ist nicht nur, dass andere gesegnet werden (oder einfach nur in Ruhe gelassen werden), der Sinn ist, dass ich selbst gesegnet werde, wenn ich andere segne.

Ein Mensch kann durch Gesetze und entsprechende Kontrollen dazu gebracht werden, bestimmte Dinge zu lassen. Durch die Straßenverkehrsordnung wird jeder dazu bestimmt, demjenigen, der von rechts kommt, die Vorfahrt zu lassen. Aber die Straßenverkehrsordnung kann mich nicht zwingen, einen müden Fußgänger mitzunehmen. Dabei kann das sehr unterhaltsam sein. Oder auch sehr lehrreich: Ein Porschefahrer übt Ralleyfahren im Gebirge. Am Fahrbahnrand sieht er ein Stück voraus ein altes Mütterchen hocken, die offenbar nicht weitergehen kann. Er nimmt sie mit und übt im weiteren wieder das Ralleyfahren: Rein in die Kurve, raus aus der Kurve, dritter, zweiter, dritter, vierter Gang, runter in den Zweiten, rauf in den Dritten. Schließlich sagt das Mütterchen nach einer Weile: „Jetzt ist es aber gut, junger Mann, nun lassen sie mal schön die Hände am Lenkrad, das Benzin kann ich ja für sie umrühren.“ Ohne Barmherzigkeit, ohne dieser Frau das zu tun, was er selbst an ihrer Stelle gern gehabt hätte, hätte sich der junge Mann dieses schöne Wissen nie erwerben können: Benzin muss man umrühren.
Barclay meint, es sei eben doch ein Unterschied, ob ich nur nach der Maxime lebe: „Ich darf niemandem Schaden zufügen“ oder nach dem Grundsatz: „Ich muss alles in meinen Kräften Stehende tun, um anderen zu helfen.“

Montag, 8. Februar 2010

Mstiker-Zitat der Woche

Vermeidet in eurem Gebet viele Worte. Ein einziges Wort genügte, um dem Zöllner und dem verlorenen Sohn die göttliche Verzeihung zu schenken. Stellt keine langen Überlegungen in eurem Gebet an. Wie oft rührt den Vater das einfache und immer wiederholte Stammeln des unmündigen Kindes. Lasst euch deshalb nicht auf lange Gedankengänge ein, damit ihr euren Geist nicht mit dem Suchen nach Worten zerstreut. Gedankenfülle im Gebet erzeugt Bildfülle und läßt den Geist zerfließen, während oft ein immer wiederholtes Wort den Geist sammelt. Wenn ihr durch ein Wort im Gebet getröstet und angesprochen werdet, verweilt dabei, denn euer Schutzengel will mit euch beten.

Johannes von der Leiter (Klimakos)

Sonntag, 7. Februar 2010

Lehrrede auf dem Berg XVIII

The teacher is teaching the Golden Rule

Was ist „das Gesetz und die Propheten“? (7,12)
Alles nun, war ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!
Das ist die Umsetzung der Forderung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, denn Liebe ist nicht tatenlos. Niemand kann sagen: „Ich liebe diese oder jenen“ und tut nichts für diese Person.
Im Judentum und in anderen Religionen gibt es solche Aufforderungen: „Was du haßt, das tu keinem anderen an“ (Tobias 4,16). Im Talmud gibt es folgende Stelle: „Wiederum ereignete es sich , dass ein Nichtjude vor Sammaj trat und zu ihm sprach: Nimm mich in das Judentum auf mit der Bedingung, dass du mich die ganze Gesetzeslehre (Torah) lehrst, während ich auf einem Fuss stehe.“
Da stieß er ihn mit der Elle, die er in der Hand hatte, fort. Darauf kam er zu Hillel. Dieser nahm ihn auf und sprach zu ihm: Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht an; das ist die ganze Gesetzeslehre (Thora), alles Andere ist nur die Erläuterung, gehe und lerne sie.“ (Schabat 31a)1
Im Aristeas-Brief, einer jüdischen Schrift, ist davon die Rede, dass der König von Ägypten jüdischen Gelehrten die Frage stellte: „Was heißt das: Weisheit lernen?“ Die Antwort: „Wie du möchtest, dass dich kein Übel befalle und dass du an allem Guten teilhabest, so solltest du auch deine Untertanen und alle, die dich beleidigen, diesem Grundsatz gemäß behandeln und die Edlen und Guten freundlich ermahnen. Denn Gott zieht alle Mensch durch Güte zu sich“ (Aristeas-Brief 207). Rabbi Elieser sagte: „Die Ehre deines Freundes soll dir ebenso teuer sein wie deine eigene Ehre.“ Psalm 15 ist ebenfalls Ausdruck davon, dass dem Nächsten nichts angetan werden soll, was auch wir selbst nicht gern erleiden würden.
Konfuzius sagte auf die Frage: „Gibt es ein Wort, das zur lebensbeherrschenden Regel für uns werden könnte?“ als Antwort: „Ist nicht Gegenseitigkeit ein solches Wort? Was du nicht willst, dass man’s dir antue, das tu auch anderen nicht an.“
Barclay weist auf buddhistische Glaubenshymnen hin in denen es heißt: „Alle Menschen zittern vor der Rute, alle Menschen fürchten den Tod; versetz dich in die Lage der anderen; töte nicht noch veranlasse jemanden, zu töten. Alle Menschen zittern vor der Rute. Alle Menschen hängen am Leben; tu, was du willst, dass man es dir tue; töte nicht noch veranlasse jemanden, zu töten.“

Bei Römern und Griechen gab es auch diese Auffassungen: „Was du selbst zu erdulden vermeidest, das füge auch anderen nicht zu“, sagte Epiktet. Eine der wichtigsten Maximen der Stoiker ist der Satz: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.“
Jesus geht darüber hinaus: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“ Das ist eine Aufforderung zum Handeln, nicht zum Unterlassen. Barclay meint, dies sei ein himmelweiter Unterschied zu der Forderung nach einem bloßen Unterlassen, Stern behauptet, der Unterschied sei nicht wesentlich und man könne über lauter Argumentieren über den scheinbaren Unterschied den Sinn der „Goldenen Regel“ verlieren.
Was meint ihr? Ist der Unterschied klein oder groß? Und was ist überhaupt der „Sinn“ dieser Goldenen Regel?

Samstag, 6. Februar 2010

Gott dienen

Auf der Seite hagalil schreibt im Wochenabschnitt PARASCHAT JITHRO (Schmot 18.1 - 20.23)Dr. Zwi Braun zu den 10 Geboten:

"Wie können wir Gott dienen? Das Kriat Schma, welches wir zweimal täglich im Morgen- und Abendgebet sprechen, gibt die Antwort: "Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen" (Dew.6,5).

In der Sprache der Torah ist das Herz der Sitz unseres Fühlens, Denkens und Trachtens: "Und in das Herz jedes Sachverständigen habe Ich Weisheit gegeben" (Schmot 31,6).
Gott mit dem Herzen dienen, bedeutet also auch, unser Denken in Seinen Dienst zu stellen.

Von der Seele des Menschen, Nefesch, ist bei der Erschaffung des Menschen die Rede: "Und so ward der Mensch zu einer lebendigen Seele" (Ber.2,7).
Der aramäische Targum Onkelos übersetzt dies als "Sprechendes Wesen". Das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist vor allem seine Fähigkeit, seine innere Gedankenwelt in Worte zu kleiden und mit der Umwelt zu kommunizieren. Mit unserer Sprache können wir Gott dienen, im Gebet, beim Torastudium und bei vielen anderen Gelegenheiten.

Bleibt noch das Vermögen, die finanziellen Mittel, welche es uns erlauben, viele Mizwot aktiv auszuführen, z.B. Zedaka (Wohltätigkeit spenden) etc.

Mit Denken, Reden und Handeln dienen wir Gott."

("Schmot", oder Schemot, ist das 2. Buch Mose oder auch Exodus; "Ber". ist die Abkürzung für "Bereschit" (1. Buch Mose oder Genesis.)

Mittwoch, 3. Februar 2010

Lehrrede auf dem Berg XVII

„Liebet eure Feinde!“ Nirgends im AT wird gelehrt, dass man seine menschlichen Feinde hassen soll. Vermutlich spielt Jesus mit dem Halbsatz: „... du sollst deinen Feind hassen“ auf eine falsche Lehraussage an, die damals im Umlauf war.
Seinen Feind lieben! Noch einmal: Wie soll das gehen? Für „lieben“ oder „Liebe“ gibt es im Griechischen 4 Begriffe: 1. Storge, stergein; 2. Eros, era; 3. Philia, philein; 4. Agape, agapan.
1. Bezeichnet die Liebe zwischen Eltern und Kindern. „Kinder lieben (stergein) und werden geliebt von denen, die sie in die Welt gesetzt haben“, sagt Plato.
2. Eros bezeichnet die Liebe zwischen Mann und Frau. Sophokles bezeichnet den eros als „verzehrende Sehnsucht“.
3. Menander schrieb: „Wen die Götter lieben, der stirbt jung.“ Philein ist Ausdruck inniger, zärtlicher Zuneigung, tiefer Freundschaft. Barclay sagt. „Ausdruck der höchsten Liebe“.
4. Agape bezeichnet eine durch nichts zu erschütternde Güte, Zuneigung, Wohlwollen. „Wenn wir jemandem mit agape begegnen, spielt es keine Rolle, wie der Betreffende sich uns gegenüber verhält, ob er uns kränkt oder Kummer bereitet; wir werden trotz allem keine Bitterkeit gegen ihn in unserem Herzen aufkommen lassen, sondern ihm stets Wohlwollen entgegenbringen und jene Güte zeigen, die nur auf sein Bestes bedacht ist.“

Was meint ihr steht hier in der Lehrrede: stergein, eran, philein oder agapan?
Bitte begründe deine Vermutung oder nenne die Gründe, wenn du es weißt.

Wir lieben Feinde nicht, als ob sie unsere Eltern oder unsere Kinder wären. Das ist unmöglich.
Den Feind mit erotischer Liebe zu lieben wäre auch ziemlich seltsam.
Zärtliche Gefühle für seinen Feind zu empfinden wäre ein bißchen viel verlangt.
Was bleibt ist agapan.
Eine Liebe, die nicht dem Herzen entspringt und nicht auf Freundschaft oder Verwandtschaft beruht, sondern eine Liebe, die eine Willensentscheidung beinhaltet, einen bewußten Entschluß: Meine Güte diesem Menschen gegenüber soll durch nichts zu erschüttern sein. Das heißt, denke ich, nicht, dass ich mich gegen ihn nicht wehren darf, wenn er mich überfällt. Es heißt aber sehr wohl, dass ich ihm wohlwollend begegne, wenn ich mit ihm fertig bin und dass ich ihm mit Güte begegne, wenn Waffenstillstand herrscht oder über den Frieden verhandelt wird.
Das ist die Grundlage für jede zwischenmenschliche Beziehung. Nur so, mit agape können wir es schaffen, ohne Bitterkeit gegen andere Menschen zu leben, mit denen wir täglich zu tun haben. Nur mit agape können wir für andere beten, denn wen man haßt, für den kann man nicht beten. Wenn du geneigt bist, jemanden zu hassen, dann fange an, für ihn zu beten und der Haß wird verschwinden, „vor Gott können wir niemanden mehr hassen.“
Barclay meint, wie viele andere auch, dass die Feindesliebe ein „ausgesprochen christliches Gebot“ sei, weil wir nur durch die Gnade Jesu Christi dieses unüberwindliche Wohlwollen aufbringen können. Aber das ist ein wenig geschummelt. Das Erste Testament gebietet eindeutig, dass ein Feind, der Durst hat, vom Volk Gottes getränkt (nicht ertränkt) werden soll; der Feind, der Hunger hat, soll von uns zu essen bekommen. Das ist weder Kindesliebe, noch Erotik, dass ist keine zärtliche Freundschaft; das ist agape.



Ein weiteres Mal: die Feindesliebe